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Unbändige Lust am Spiel

Wittenbrinks "Sekretärinnen" in Sommerhausen

Frauenpower in allen Facetten, auch durch ihre Schwächen, feiern die "Sekretärinnen" in Sommerhausen. Mit diesem Erfolgsstück von Franz Wittenbrink hat Brigitte Obermeier sich einen Wunschtraum erfüllt: Sie eröffnete damit in einer viel bejubelten Premiere, in der sie auch selbst Regie führte und spielte, ihr eigenes "festes" Theater in den Räumen des ehemaligen "Bockshorn" gleich neben dem Torturm in Sommerhausen und benannte es praktischerweise um in "Theater Sommerhaus". Es wird aber auch im Winter bespielt. In einer Zeit der Theaterschließungen also eine private Eröffnung - das erfordert Mut und beweist unbändige Lust am Spiel.

Sechs weibliche Hyänen

Und die spürten die Zuschauer auch bei diesem "Liederabend", der sechs ganz unterschiedliche "Tippsen" auf der Bühne vereint; sie liefern hier einen äußerst flotten, vergnüglichen Abgesang auf einen typisch weiblichen Beruf, der leider durch die Computer mehr und mehr reduziert wird. Denn welche Bürofrau hackt denn heute noch ständig auf einer Schreibmaschine herum, dazu noch im Takt mit anderen Leidensgenossinnen, bewacht von einem Hausmeister im blauen Arbeitsmantel und Cord-Hütchen auf dem Kopf, der immer etwas abzustauben, zu polieren, zu werkeln hat? Bernd Neunzling war in dieser Funktion das bemitleidenswerte männliche Opfer von sechs weiblichen Hyänen, aber nur in Ermangelung eines Besseren. Denn alle sechs Damen fallen in der Pause über ihn her. Aber er übersteht die Herausforderung relativ unbeschädigt.
Der zweite Mann im Bunde, der Pianist Christoph Gerl, wird in Ruhe gelassen. Man braucht seine zuverlässigen Dienste. Eine echte Bühnenhandlung gibt es bei dem Ganzen allerdings nicht. Es ist eher eine musikalische Zustandsbeschreibung. Jede der sechs Sekretärinnen hat nämlich andere Probleme und Gefühle, und die arbeitet sie ab in diversen Anleihen aus Oper und Operette, in leicht umgearbeiteten Hits aus der Pop-, Soul- und Jazz-Welt. Das geht Schlag auf Schlag und wirkt auf der schmalen Bühne des "Sommerhauses" umso komischer durch die Enge der Arbeitsplätze mit den verschiedenen, teilweise fast musealen Schreibmaschinen-Modellen darauf und den Schildern davor, auf denen das jeweilige "Motto" angezeigt wird, wie "Ruhestand" oder "Grüße jeden Trottel", und durch die untereinander so konträren Sekretärinnen-Typen dahinter. Die sind bunt gemischt, nicht nur in den Farben der Kleidung, sondern auch in den Stimmen und Temperamenten.
Da gibt es die konventionelle Dame in Grün, die Probleme mit ihrer Identität hat, aber toll steppen kann und sich so von ihren Sorgen befreit (Regina Pohl), da scheint die leicht steife Dame in Gelb fast grotesk durch ihre Sehnsucht nach der Ferne; dieser Melina-Mercouri-Verschnitt ist nicht nur stimmlich ein Volltreffer (Ortrud Hommes). Da gibt es das etwas ältere, grazil blaue Büro-Modell mit Liebe zu Topf-Pflanzen und Sehnsucht nach dem Frühling (Stella Borg).

Starke Frau in Rosarot

Umwerfend hochschwanger selbst in der Mimik und den kleinsten Körperregungen agiert Antje Hagen, besingt mit süßer Stimme viele Träume und hält sich vorerst an ein Kuscheltier. Brigitte Obermeier ist eine angeblich starke Frau in Rosarot mit vielen zusammengeknoteten Taschentüchern, die sie beim häufigen Weinen benötigt. Die Attraktion des Büros aber stellt zweifelsohne Patrizia Klotz dar (aus Aschaffenburg), eine absolut Sexy-Frau, die mit allen erreichbaren Männern der Umgebung wunderbar schamlos flirtet - natürlich auch mit denen im Publikum -, sich aufreizend frei bewegt und vor allem mit ihrer tollen, großen Stimme restlos begeistert.
Zusammen aber ist diese Frauen-Crew wohl eher eine männliche Wunschvorstellung. Über allen wacht der Chef - im Ölbild und per Anruf -, ein Diktator mit Zigarre, ein Stimmungskiller. So muss halt der Hausmeister als "schwarzer Panther" ein einzig verfügbarer Mann herhalten. Viel Beifall.

Renate Freyeisen

© 2003 Theater Sommerhaus